Ein Nachruf zum Leben Friedrich Pfisters

Erschienen im Heft 1 - März 1971 der Pfälzer Heimat

LILI FEHRLE-BURGER



Friedrich Pfister zum Gedächtnis

Kurz vor Vollendung seines 85. Lebensjahres starb in Würzburg Friedrich Pfister als emeritierter Ordinarius der klassischen Philologie. Mit ihm verlor die Würzburger Universität am 27. Dezember 1967 einen ihrer profiliertesten und originellsten Gelehrten. Seine wissenschaftlichen Verdienste liegen hauptsächlich in der Anwendung seiner klassischen Sprachkenntnisse auf die vergleichende Religionswissenschaft und auf die Volkskunde. Im Mittelpunkt seiner Interessen und auf eine eigentümlich faszinierende Weise schicksalhaft mit dem bewegten Leben des vielgereisten, spürsinnigen Sprachforschers verflochten, stand seit seiner Jugend die sagenumwobene Gestalt Alexanders des Großen. Mit kritischem Scharfblick blieb Pfister unablässig darum bemüht, in der Mythenbildung der gesamten Weltliteratur, zu der dieser, schon zu Lebzeiten als ein sonnenhafter Halbgott verehrte Welteroberer geführt hat, zwischen nachträglicher Dichtung, zeitgenössischer Verehrung und geschichtlicher Wahrheit zu unterscheiden. Einen guten Einblick in die weitverzweigten Probleme dieses unvollendet gebliebenen Lebenswerks vermittelt Pfisters 1956 veröffentlichte Studie „Alexander der Große in den Offenbarungen der Griechen, Juden, Mohammedaner und Christen", herausgegeben von der deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. An dieser übersichtlichen Zusammenfassung vermag man den inneren Reichtum des Alexander-Mythos zu ermessen, der so vielgestaltig und tiefgründig ist, daß ein Menschenleben, selbst wenn es vom größten Gelehrtenfleiß besessen wäre, kaum ausreichen dürfte, um dieses Thema zu erschöpfen.

Aber Pfisters wissenschaftliche Verdienste sind keineswegs auf diesen Themenkreis beschränkt geblieben. So stand er in der Erforschung der antiken Wurzeln traditioneller Jahresfeste und Volksbräuche, insbesondere im Bereich der pfälzischen Volkskunde, als einer der bedeutendsten deutschen Altertumsforscher mit seinem engsten Fachkollegen aus diesem Gebiet, dem Heidelberger Ordinarius für Volkskunde Eugen Fehrle, in einem ständigen, ergebnisreichen Gedankenaustausch. Den Namen dieser beiden einstigen Heidelberger Studiengenossen begegnet man auf Schritt und Tritt auf den verschiedenartigsten Gebieten der deutschen Volkskunde, so auch in dem von Hoffmann-Krayer und Bächthold-Stäubli 1927 begründeten Nachschlagewerk, dessen neun große Bände unter dem allzu bescheidenen Titel „Handbuch des deutschen Aberglaubens" mittlerweile zum unentbehrlichsten Hilfsmittel einer jungen, vielbefragten, aber an den heutigen Universitäten leider bereits wieder sehr vernachlässigten Wissenschaft geworden sind. Ungeachtet dessen behauptet dieses mustergültig angelegte Handbuch in den öffentlichen Bibliotheken seinen unübersehbaren Platz, auch in der Heidelberger Universität, die als einstige glorreiche Begründerin der Volkskunde kaum noch geneigt erscheint, sich ihres genialischen Geistesfrühlings im Zeitalter der Romantik erinnern zu wollen. Wer jedoch in diesem Nachschlagewerk blättert, wird unter den aktivsten Mitarbeitern immer wieder auf den Namen Pfister stoßen, wenn es darum geht, das rätselhafte Dunkel des deutschen Volksglaubens durch einleuchtende Erklärungen urwüchsiger Eigentümlichkeiten seiner Märchenwelt zu erhellen, sei es durch Hinweise auf weit zurückliegende Einflüsse früher Mythenbildungen oder durch Vergleiche mit verwandten Zügen im antiken Volksglauben indogermanischer Mittelmeervölker. Die von seinem Lehrer Albrecht Dieterich gestellte Preisarbeit der Universität, mit der Pfisters akademische Laufbahn im Jahre 1905 bereits während seiner Heidelberger Studienjahre zu einem Aufsehen erregenden Erfolg führte, erschien 1909 im 5. Band der „Religionsgeschichtlichen Versuche" unter dem Titel „Der Reliquienkult im Altertum" als eine in Fachkreisen allgemein beachtete Studie. Straffe Disziplin im gedanklichen Aufbau, verbunden mit einer angeborenen Gabe für die logisch bezwingende Klarheit gewissenhaft durchdachter Formulierungen und ein klassisch geschliffener Stil, in dem sich der schriftstellerisch begabte Altertumsforscher schon seit seiner Primanerzeit in etlichen Publikationen geübt hatte, treten darin bereits als typische Vorzüge des jungen Autors hervor. Der Bienenfleiß, mit dem er seine wissenschaftlichen Publikationen weiterhin in Form von Büchern und in einer unübersehbaren Fülle von Beiträgen für Zeitschriften und Zeitungen fortsetzte, mit besonderer Vorliebe für pfälzische Volkskunde, wird durch die stattliche Anzahl von 600 opera und opuscula überwältigend bezeugt.

Friedrich Pfister am 9.11.1966 beim 80. Geburtstag von Frau Clara Burger Bild:
Friedrich Pfister am 9. 11. 1966 beim 80. Geburtstag von Frau Clara Burger, Tochter des Heidelberger Archäologen Geheimrat von Duhn; daneben dessen Enkelin Frau Dr. Lili Fehrle geb. Burger - Privataufnahme

Bei einer persönlichen Begegnung mit dem grazilen, stets mit humorvollen Anekdoten charmant aufwartenden Gelehrten, den seine italienischen Kollegen „il gentile Pfister" zu nennen pflegten, würde man hinter der liebenswürdigen Heiterkeit kaum den dämonischen Erkenntnisdrang des tiefgründigen Alexander-Forschers vermuten haben. Von dieser Seite her konnte man ihn nur gelegentlich in lebhaften Wortgefechten kennenlernen, wenn er seinen jeweiligen Gesprächspartner mit würzigen Kostproben von logischer Denkschärfe und schlagfertigem Witz wehrlos in die Enge zu treiben verstand, jedoch ohne ihn dabei zu demütigen oder zu verletzen, denn sein ritterlicher Edelmut ließ es nicht zu, seine Triumphe auf Kosten seiner besiegten Gegner auszuspielen. Überall, wo er mit seinem schmalen, markanten Gelehrtenkopf und seinen feinen, sensiblen Gesichtszügen auftauchte, empfanden die Menschen eine spontane Zuneigung zu ihm. Durch diese allgemeine Beliebtheit erwarb er sich auch viele Sympathien für seine Heimat, denn bei aller Eleganz seines selbstsicheren, weltgewandten Auftretens verspürte man stets auch die schlichte Herzlichkeit eines Mannes, der mit Leib und Seele ein Pfälzer war.

Er kam am 6. Januar 1883 in Kaiserslautern als Sohn des bayrischen Landgerichtsrates Bernhard Pfister zur Welt. Sein etwas schwerblütiger frühverstorbener Vater entstammte einer unterfränkischen katholischen Lehrerfamilie, während seine lebenstüchtige Mutter, eine fröhliche Rheinpfälzerin, in Kaiserslautern als Tochter der wohlhabenden protestantischen Familie Karsch aufgewachsen war, deren Stammbaum sich bis in das stürmisch bewegte Zeitalter der Pfälzer Liselotte zurückverfolgen ließ. Ihr Vater besaß oberhalb der Stadt auf dem Rittersberg eine Pulvermühle, mit der die Kindheitserinnerungen der ersten sieben Jahre des kleinen Friedrich verknüpft waren, ehe er mit Eltern und Geschwistern nach Baden-Baden übersiedelte, wo er als Schüler des humanistischen Gymnasiums sein Abitur machte. Kurz nach der Jahrhundertwende begannen seine erlebnisreichen Studienjahre in Heidelberg, die er nur zwei Mal durch anregende Semester in München und Berlin unterbrochen hat. Nach ausgedehnten Studienreisen durch Griechenland, Kleinasien und Rom unter Führung seines Lehrers - des Heidelberger Archäologen Friedrich von Duhn - begann er im Jahre 1912 seine Lehrtätigkeit als Privatdozent in Heidelberg, die er in Marburg bis zu seiner Einziehung zum Kriegsdienst fortsetzte. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs erhielt er einen Lehrauftrag als Extraordinarius in Tübingen. Bei seiner Mutter, die schon während seiner Studienzeit nach Heidelberg übergesiedelt war, lernte er bald darauf im Sommer 1919 Irmgard Suadicani aus Lübeck kennen. Sie studierte Philosophie und Germanistik. In ihr fand er eine ideale Lebensgefährtin, mit der er sich noch im gleichen Jahr vermählte. 1924 wurde er als Ordinarius nach Würzburg berufen, wo er sich neben intensiver, geistiger Arbeit eines glücklichen Familienlebens erfreute. Aber im Herzen ist er, auch auf ausgedehnten Studienreisen, die er von dort aus oft unternahm, immer ein Pfälzer geblieben.

Übersicht über die wichtigsten Werke:

Wanderung durch die Pfalz. Beilage zur „Pfälzer Presse" 1898 (Publikation des fünfzehnjährigen Gymnasiasten).

Die mythische Königsliste von Megara 1907.

Der Reliquienkult im Altertum I 1909, II 1912.

Kleine Texte zum Alexanderroman. Heidelberg 1910.

Der Alexanderroman des Archipresbyters Leo. Heidelberg 1913.

Eine jüdische Gründungsgeschichte Alexandrias 1914.

Anhang über Alexanders Besuch in Jerusalem 1914 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften).

Schwäbische Volksbräuche, Feste und Sagen. Augsburg 1924.

Der Wahnsinn des Weihepriesters. Cimbria 1926.

Vademecum für den klassischen Philologen. Leipzig 1933.

Deutsches Volkstum im Glauben und Aberglauben. Deutsches Volkstum Band 4, Berlin und Leipzig 1936.

Einführung in die Philosophie des Altertums. Würzburg 1948.

Sprache und Schrifttum der Griechen im Rahmen der Altertumswissenschaft. Freiburg i. Br. 1944.

Zeittafel für das klassische Altertum und seine Erforschung. Würzburg 1947.

Die Reisebilder des Herakleides. Wien 1951.

Götter- und Heldensagen der Griechen. Heidelberg 1956.

Alexander der Große in den Offenbarungen der Griechen, Juden, Mohammedaner und Christen. Berlin 1956.