Meine erste Erinnerung: Ich war 3 Jahre alt (so wurde mir erzählt), als die Familie einen Sommerurlaub in Scharnitz (an der östr. Grenze) machte. Die Eltern, Ilse und Hildegard und beide Großmütter waren dabei; wir hatten Zimmer im Schulhaus des Ortes gemietet (wahrscheinlich mit Küchenbenutzung). Es wurde einen Tagesausflug gemacht, ich war aber dazu noch zu klein und wurde deshalb in einem Kinderhort untergebracht. Ich sehe mich noch neben einer Kinderschwester an der Dorfstraße stehen und auf die Familie wartend, die schließlich etwas verspätet mit einer Pferdekutsche ankam.
Vage Erinnerung – aber vielleicht wurde es mir auch später erzählt: Im Kindergarten versteckte ich mich einmal in einem Schrank, um nicht spazieren gehen zu müssen, und wurde dann lange überall gesucht …
Sehr häufig spielte ich auf unserer Terrasse mit dem Ball, warf ihn an die Wand, um ihn wieder aufzufangen, schaute gelegentlich hinunter auf die Kettengasse oder hinüber ins Nachbarhaus, in dem eine jüdische Familie lebte, wahrscheinlich streng orthodox, wenigstens beeindruckten mich betende Gestalten mit, wie mir schien, zusammengebundenen Händen (Gebetsriemen wohl). In der Gasse spielten auch öfters Kinder, vielleicht etwas verwahrlost und schmutzig, wenigstens durfte ich nicht mit ihnen spielen.
Mit meinen Schwestern Hildegard und Ilse, die 5 bzw. 3 Jahre älter waren als ich, spielte ich sehr selten.
Vom ersten Schultag erinnere ich nur, dass ich eine große Schultüte bekam, wohl auch zur Schule gebracht wurde, aber das einzige Kind war, das nicht abgeholt wurde. Es war im Grunde genommen auch nicht nötig, denn wir konnten ungefährdet überall alleine hingehen.
So wurde ich oft zu Herrn Stuemmer geschickt, der in der Kettengasse hinter unserem Haus einen “Kolonialwarenladen ”hatte, wie diese kleinen Emma Läden damals hießen um 1 Pfund Zucker oder Mehl zu kaufen, das dann in einer Papiertüte abgewogen wurde. Einmal sollte ich eine “Erbswurst” kaufen (eine getrocknete Substanz, aus der man Erbsensuppe machen konnte), ich hatte das aber wohl nicht richtig verstanden und bestehend darauf: “eine Erbse”, die ich dann schließlich auch bekam und natürlich zuhause ausgelacht wurde. Klopapierrollen gab es in dem kleinen Papierwarenladen der drei Fräulein Hoesch. Ich kaufte immer 10 Rollen (für eine Mark), die wurden an eine Schnur gebunden und mir um den Hals gehängt. Oft ging ich mit meiner Mutter auf den Markt. Sie ging von Stand zu Stand, suchte sorgfältig das Gemüse aus; und dann der Butterstand: es gab Landbutter (aus saurem Rahm gemacht) da wurde vorher geschmeckt!! Auf einem Messer wurde ein kleines Stückchen gereicht, Mutti ließ es im Mund schmelzen, schmatzte ein bisschen, versuchte weiter bis sie sich schließlich für eine Sorte entschied; da wurde dann aus einem großen Stück die entsprechende Menge abgeschnitten und gewogen. Unsere Mutter machte alle Einkäufe selber, kochte aber selten nur wenn keine Hilfe da war, dann aber sehr gut... Wir hatten immer ein Dienstmädchen, das kochte und die Wohnung sauber machte, auch für die Wäsche zuständig war, nur die Bettwäsche und andere große Stücke wurden einmal im Monat von Herrn Solf abgeholt und gewaschen und gemangelt zurückgebracht. Bettwäsche wurde nur alle 4 Wochen gewechselt, Unterwäsche einmal in der Woche, Kleider wurden im Allgemeinen auch nur jede Woche gewechselt, nur am Sonntag ein „Sonntagskleid”.
Unsere Wohnung in der Hofpromenade 1: es war ein großes Etagenhaus mit Parterre und drei Etagen, wir wohnten im ersten Stock. Die Wohnungstür öffnete zu einem langen Flur, rechts drei Türen: zum Arbeitszimmer unseres Vaters, mit einem kleineren Zimmer dahinter für seine Bibliothek. Die „gute Stube”: ein größeres Zimmer mit kleinem Balkon, dort wurden Gäste empfangen, meine Mutter hatte einen kleinen, zierlichen Schreibtisch. Ein größerer Mahagonischrank, in der Mitte ein ovaler Tisch für evtl. formalere Essen, in der Ecke am Fenster eine Sofaecke. Parkettboden, der gelegentlich sauber geraspelt werden musste. Dann unser Ess-Wohn und auch Kinderzimmer, das durch eine Tür zur “guten Stube” verbunden war. Auch da war, an der linken Ecke, ein kleiner Balkon zur Hofpromenade. In der Mitte des Zimmers ein großer Esstisch, der vergrößert werden konnte, 8 Rohrstühle, ein Klavier, an der Wand zu Flur ein großes Buffet mit hohem Aufsatz. Ein großer, grüner Kachelofen mit zwei kleinen Löwen davor, die später, glaube ich, entfernt wurden. Auch in den anderen beiden Zimmern je ein Kachelofen. Links vom Flur das Schlafzimmer der Eltern mit zwei Betten, einem großen Spiegel mit zwei zierlichen Tieren davor, ich weiß nicht mehr genau, was es war, der Spiegel war ein Erbstück aus dem großväterlichen Haus meiner Mutter wie auch der große Mahagonischrank und eine Kommode.
Dann kam das Badezimmer mit Badewanne, Waschbecken und Toilette. Die nächste Tür führte in die Küche mit Speisekammer: Spülbecken mit nur Kaltwasser, Truhe auf die man etwas stellen und hineintun konnte. Küchenschrank, Gasherd mit Backofen und kleinem Holz- oder Kohlenherd, Tisch und an der Wand wohl noch kleinere Sachen. Nächste Tür zur sog. “Rumpelkammer”, dort wurde alles reingestellt, was im Augenblick nicht gebraucht wurde.
Am Ende des Flurs die Veranda mit großen Fenstern zum kleinen Garten, dort standen unsere drei Pulte und ein größerer Tisch, war unser Studierzimmer und auch gelegentlich Bügelraum. Links von der Veranda eine Tür in das kleine Gästezimmer, und dann unser Schlafzimmer mit drei Betten, einem Schrank, einer Kommode und einem Waschtisch mit Waschschüssel und Kanne. Die Veranda konnte geheizt wurden, alle übrigen Zimmer und das Badezimmer hatten keine Öfen. Wir wuschen uns morgens im Badezimmer am Waschbecken, die Badewanne wurde nur am Samstag mit warmem Wasser gefüllt (Gasdurchlauferhitzer) und bei sehr großer Kälte wurde ein Petroleumofen neben die Badewanne gestellt.
Alle diese Zimmer hatten Fenster zur Kettengasse, man konnte in die gegenüberstehenden Häuser sehen. Von der Terrasse führten einige Stufen in einen kleinen Vorgarten ich erinnere mich nur an ein paar Veilchen und Stiefmütterchen, und Efeu, keiner schien größeres Interesse an großer Gartenpflege zu haben. Der Garten wurde von einer Mauer zum Nachbargrundstück abgetrennt; von der Mauer konnte man in den Garten springen und in den Gasthausgarten vom Restaurant Hemmerlein gucken. Links ans Haus angrenzend, oberhalb des Gartens, eine größere Terrasse, zum Wäscheaufhängen, Terrasse und Garten boten gute Spielplätze.
Vom Garten ging eine Treppe ins Untergeschoss mit Ausgang zur Kettengasse. Links eine Waschküche mit großem Waschkessel, der mit Holz geheizt wurde. Von der Treppe hinter der Veranda nach links kam man auf die Terrasse.
Im Frühjahr 1932 kam ich in die Volksschule, wie die 8-jährige Grundschule damals hieß. Ich muss wohl etwas sehr lebhaft, sogar frech gewesen sein, denn einmal, in der 3. Klasse, sagte der Lehrer sehr streng zu mir: du bist doch die Tochter eines Univ. Professors, da darfst du dich nicht so schlecht benehmen! Sonst erinnere ich mich nicht an irgendetwas besonderes. In den ersten zwei Jahren hatten wir eine Lehrerin; wir lernten zunächst die altdeutsche Schrift, ab der dritten Klasse wurde die lateinische Schrift gelehrt und wir durften sie auch weiterschreiben. Unterricht war in den ersten zwei Jahren von 8 bis 11 und 2 bis 4 Uhr, dann von 8 bis 12 und 2 bis 4 Uhr. Neben den üblichen Grundfächern gab es Turnen, Singen und evangelischen oder kath. Religionsunterricht. Im Zeugnis wurde Schönschrift extra benotet, da hatte ich immer eine sehr schlechte Note!
Ab dem 5. Schuljahr besuchte ich, wie auch Hildegard und Ilse, die Sophienschule, eine private “höhere Mädchenschule”, sie war vorwiegend evangelisch, wurde aber auch von jüdischen Kindern besucht. Am ersten Tag stand jede Schülerin auf und sagte dem Klassenlehrer ihren Namen – da sagte der Lehrer spontan: “du bist die Schwester von Hildegard und Ilse Pfister?!”, “dann setzt dich mal gleich in die erste Reihe!!” Unterricht war von 8 bis 12 oder 1 Uhr, ein- oder zweimal in der Woche auch am Nachmittag ein oder zwei Stunden. 1938 wurden alle Privatschulen aufgelöst und in eine Schule –Mozartschule, städtische Oberschule für Mädchen – zusammengelegt. Aber es gab mehrere Jungen Schulen in Würzburg: Humanistisches Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule. Unsere erste Fremdsprache war Französisch, zwei Jahre später kam Englisch und Latein dazu. Zunächst war ich gerne in der Schule, obwohl ich nicht immer alle Hausaufgaben machte und eigentlich recht faul war, hatte ich immer ganz gute Noten. Aber der Unterricht gefiel mir immer weniger, die Lehrer waren streng und langweilig. Meine beste Schulfreundin, Heilwig, kam nach der 9. Klasse in ein Internat, weil sie auf dem Land wohnte und bereits morgens um 6 Uhr mit dem Bus zur Schule fahren musste. Eine andere Freundin war inzwischen nach Berlin gezogen und mir gefiel alles nicht mehr in Würzburg. So äußerte ich den Wunsch die letzten beiden Jahre in Lübeck zu absolvieren, die Eltern willigten ein und ich zog zu meiner geliebten Großmutter und Tante Erna in die Moltkestrasse 12 und ging in die Oberschule am Falkenplatz. Dort war alles viel lockerer, besonders der Lateinunterricht vergnügter und alles nicht so streng. Wir lernten wohl auch weniger als in Bayern, das ja auch heute noch berühmt ist, die “besten” Schulen zu haben.
Das war im Frühjahr 1942, mitten im Krieg. In Lübeck gab es viel Fliegeralarm, mehr als in Würzburg, Lübeck hatte bereits einen großen Luftangriff hinter sich und die Innenstadt war fast ganz ausgebrannt. Es gab aber noch Konzerte und Opern – ich sah zum ersten mal den Don Giovanni mit Karl Schmitt-Walter, der damals am Anfang seiner später großen Karriere stand und für mich immer noch der eindrucksvollste Giovanni Darsteller ist. Wir Schülerinnen der Oberklassen mussten auch Luftschussdienst [vermutl. Luftschutzdienst] machen, d.h. abends bis Mitternacht in der Schule verbringen für den Fall eines Brands nach einem Angriff, der gelöscht werden musste. Es war immer noch ein Lehrer dabei und zwei Schüler, aber wie wir einen Brand hätten löschen sollen, ist mir heute allerdings etwas rätselhaft. Geschult dafür wurden wir nicht. Glücklicherweise gab es keine größeren Angriffe mehr auf Lübeck.
Im März 44 machte ich das Abitur, große Abiturfeiern gab es nicht, ich fuhr dann gleich nach Würzburg.
Sog. Social Life, wie es die Jugend heute hat und wie es mein Vater auch in seinen Erinnerungen beschreibt, gab es während meiner Schulzeit, die ganz vom Krieg bestimmt wurde, nicht. In den ersten Kriegsjahren gab es noch geschlossene Tanzveranstaltungen, den Universitätsball und den Medizinerball, die waren allerdings für die Schülerinnen unserer höheren Töchterschule verboten- meine Schwester Hildegard war einmal mit meinen Eltern auf dem Univ. Ball und bekam anschließend einen schweren Verweis! Im Winter 1941 hatte ich Tanzstunde, zweimal wöchentlich. Die Mädchen saßen auf einer Seite, die Buben auf der anderen, der Tanzlehrer erklärte die zu lernende Tänze: Walzer, Langsamer Walzer Foxtrott, Tango- und mit Beginne der Musik standen die Herren auf und holten sich mit einer Verbeugung ihre Tanzdame! Der Abschlussball fand in unserer Wohnung statt, denn in öffentlichen Lokalen war es nicht mehr erlaubt. Ich erinnere noch, dass im mittleren Wohnzimmer, das Parkettboden hatte, damals noch nicht präpariert wie heute, der ganze Boden mit schwarzen Streifen “dekoriert” war.
Am nächsten Morgen kam sogar einer der Tanzherren uns beim Abschleifen zu helfen! Ein großes Vergnügen war es, wenn Herr Professor Volk, Astronom, Leiter der Sternwarte, geschiedener Junggeselle – Besitzer des Hauses, das nach seinem Tod meine Schwester Ilse kaufte- Heilwig und mich zum Kaffeetrinken ins Kaffee Ludwig einlud. Er war ein alter Hausfreund unserer Eltern, bei denen er auch seine X Frau kennengelernt hatte, sie er dann heiratete, obwohl er die Priesterweihe hatte, natürlich exkommuniziert wurde, sich bald darauf scheiden ließ aber als Univ. Prof. weiterhin gut leben konnte.
Manchmal gingen wir ins Theater, wenn uns ein Schauspieler besonders gut gefiel, stellten wir uns am nächsten Nachmittag ins gegenüberliegende Café und hofften, dass der Schauspieler aus dem Schauspielhaus herauskäme, was aber nie geschah- wieso wir das mehrmals taten, ist mir heute unerklärlich, aber wohl nur, weil es sonst keine anderen Vergnügungen gab.
Höhepunkt dieser Jahre waren die Wochenende, die ich in Thüngen bei meiner Freundin Heilwig auf dem Schloss verbringen durfte. Die Thüngens war alter Adel, wohnten in einem alten Schloss in Thüngen, damals gut eine Autostunde von Würzburg entfernt. Es waren 5 Schwestern, Heilwig war die zweite, im Schloss wohnte noch der Zwillingsbruder vom Baron, der 6 Töchter und einen Sohn hatte. Außerdem waren immer noch Verwandte zu Besuch da, später auch Vertriebene aus dem Osten. Es wurde getobt und gespielt, ein Vetter, von Tadden [möglicherweise "von Thadden"], hatte “magische Kräfte”, wir machten Tischrücken und ähnliches mit ihm, im alten Turm am Hofeingang gab es Gespenster, eine Wendeltreppe führte unters Dach. Die 5 Schwestern hatten ein gemeinsames, sehr großes Schlafzimmer, natürlich kein Bad, am Morgen brachte ein Dienstmädchen für jeden eine Waschschüssel mit warmen Wasser. Die Toilette war ein Plumpsklo. Nur die Eltern schliefen etwas besser im großen Wohnbereich, wo es ein Schlafzimmer, mit Bad, Wohn und Esszimmer und Arbeitszimmer für den Baron gab und einen großen Salon, der aber nicht heizbar bar und im Winter eiseskalt. Bei Tisch wurde serviert und man benahm sich gut, meistens war es seine große Tischrunde von mindestens 10 Personen. Bis auf den Salon Hatten die Wohnräume Kachelöfen und wurden im Winter geheizt, unser Schlafzimmer aber hatte keinen Ofen und im Winter gefror das Wasser darin, wie übrigens auch in unserem Schlafzimmer in Würzburg.
Von Klein Machnow nach Würzburg und zum Irtenberger Forsthaus Juli 1944 (wohl 1945, nach Kriegsende, Bernhard, 31.12.2018)
BIS Anfang Juli hatte ich noch nichts aus Würzburg oder Lübeck gehört und nun hatte sich die allgemeine Situation etwas beruhigt, es gab zwar noch keine regelmäßigen Personenzüge, aber viele Güterzüge, die auch von Personen einfach benutzt wurden. Ich lernte einen Architekten kennen, der auch überlegte, wie er nach Westdeutschland kommen könne und zwei Schwesternhelferinnen aus dem Krankenhaus hatten auch nahe Verwandte im Westen und waren bereit, es zu versuchen. Wir hörten dass Güterzüge immer wieder von Berlin bis zur Zonengrenze fahren und konnten auch in Erfahrung bringen wo ein solcher Zug am besten zu erreichen war. So machten wir uns eines morgens jeder mit einem Rucksack bepackt mit ein paar Broten Lebensmitteln die es gerade gab, wohl für zwei oder drei Tage ausreichend, auf den Weg zur Eisenbahn. Ich erinnere nicht mehr, wo wir eine Bahnstation erreichten, aber irgendwo stand ein Güterzug und es hieß, er fahre bald in Richtung Westen ab. Es saßen schon viele "Reisende ‘drin, wir setzten uns ebenfalls in einen Wagen, der nicht
zu voll mit Gütern bepackt war und noch ein paar "Sitzplätze" bot. Wie lange wir gefahren sind und sogar geschlafen haben, weiß ich nicht mehr, der Zug hatte öfters gehalten, wohl auch länger Station gemacht. "Fahrgäste" kletterten raus und rein, es wurde recht beengt.
Der Zug hielt wieder, irgendwann und wo, es dämmerte, und wir wurden aufgefordert, den Zug zu verlassen, wir seien kurz vor Eisenach, wo die Grenze russische und amerikanische Zone verlief, und über die Grenze dürften wir auf keinen Fall. Die Straßen waren voll mit Lastwagen und Pferdefuhrwagen, und irgendjemand nahm und seine Strecke gen Westen mit bis zu einem kleinen Dorf, dort durften wir mit vielen anderen in irgendeinem Heuschober übernachten. Am nächsten Tag, ich weiß nicht mehr der wievielte, stellten wir fest, dass es bis zur Grenze noch ziemlich weit war. Die Straßen waren voll von Menschen mit mehr oder weniger Gepäck auf dem Rücken oder in Leiterwagen, Pferdefuhrwerken die kaum vorwärts kamen, da jeder versuchte, auf so ein Gefährt hochzuklettern, große amerikanische Lastwagen versuchen durch die Menschenmasse hindurchzukommen fast alles gen Westen. Wir waren den ganzen Tag unterwegs, meist zu Fuß, Bauernhöfe waren unsere "Raststätten" und stillten meistens großzügig Hunger und Durst. Noch zweimal übernachteten wir in irgendeiner Scheune, dann schließlich kamen wir an die Zonengrenze, wo starker Verkehr mit amerikanischen Militärfahrzeugen Richtung Westen und überall strenge Grenzkontrollen aufgestellt waren.
Wir überlegten, wie, wo und wann es uns gelingen könnte, schwarz über die Grenze zu kommen, da hielt ein amerikanischer Militärlastwagen neben uns, zwei Amerikaner winkten uns vergnügt zu und ich fasste den Mut ihn in meinem Schulenglisch zu fragen, ob er uns wohl mit in den Westen nehmen könne, wir hätten einen kranken älteren Herrn zu seiner Familie hinüberzubringen. Er machte nur eine kleine Geste, wir sollten hinten reinklettern und uns ruhig verhalten. Sie ließen auch noch einen jüngeren Mann vorne zu sich einsteigen und dann fuhren sie los.
An der Grenze natürlich Kontrolle und nun wurde es aufregend: Der Mann vorne musste aussteigen, durfte nicht weiterfahren - und da sagte dieser blöde Tölpel zu den Grenzwächtern: "da hinten sitzen aber auch noch welche". So schauten zwei Grenzsoldaten bei uns hinten rein, glücklicherweise trug unsere Mitreisende noch ihre Schwesterntracht, erklärte, wie müssten diesen kranken Herrn dringend in den Westen bringen, und oh Wunder, ein leichtes Winken mit der Hand und das Auto fuhr über die Grenze gen Westen ! Nach wenigen Minuten allerdings hielten sie an und der nette Fahrer erklärte uns, leider dürfe uns nicht weiter mitnehmen, denn es sei ihnen streng verboten, deutsche Zivilpersonen zu befördern!
Nun, für uns war das schwierigste überstanden, wir waren im Westen, es war noch hell und so marschierten wir erstmal los bis zur nächsten Ortschaft. Die zunächst nur von Amerikanern befahrenen Straßen füllten sich immer mehr mit gen Westen wandernden Flüchtlingen, die wohl meistens über die schwarze Grenze gekommen waren, es gab nun aber bereits deutsche Lastwagen, meistens mit Milchkannen oder sonstigen Kübeln hintendrauf, Und wenn man Glück hatte, konnte man auch noch draufspringen und sogar einen "Sitzplatz" erobern. Nach zwei Tagen kamen wir an eine Bahnstation, leider weiß ich wieder nicht, in welchen Ort das war. Da stand ein Güterzug, der freundlicher Lokführer sagte uns, er werde in absehbarer Zeit nach Bamberg über Würzburg fahren!! Also schnell "eingestiegen". Diesmal nicht in einen mit vielen Gütern beladenen Wagon, sondern in das kleine "Häuschen", das damals an jeden Güterwagen angebaut war, in dem es einen Sitzplatz und Fenster gab. Da saßen wir nun komfortabel der Zug fuhr auch irgendwann los, hielt gelegentlich auf freier Strecke oder an kleinen Bahnhöfen; wie lange wir gefahren sind, weiß ich nicht, aber früh am Morgen des 17. Juli, die Sonne war schon aufgegangen, aber noch vor 6 Uhr, hielt der Zug im Bahnhof Würzburg, nur an einigen Schildern mit der Aufschrift "Würzburg", als Bahnhof zu erkennen. Abschied von meinem Begleiter, der ja nach Bamberg wollte. Ich kletterte von dem Häuschen herunter auf einen leeren Bahnsteig, der Zug blieb erstmal stehen, fand durch Trümmer gehend den Ausgang und stand vor dem Bahnhofsplatz: ein Trümmerhaufen, nur die Straßen frei.
Noch war Sperrstunde und ich überlegte, wie ich wohl durch all die Trümmer durch die Stadt und auf der anderen Seite des Mains bis nach Irtenberg kommen sollte. Plötzlich hielt ein Jeep vor mir, ein amerikanischer Soldat nickte mir freundlich zu und fragte mich, wohin ich den wolle. In meinem besten Schulenglisch erklärte ich ihm den Weg, und dass ich gerade angekommen sei aus dem Osten und nicht wies, wie ich zu meiner Familie kommen könne. Er lächelte mich freundlich an, deutete nur auf seinen Nebensitz und ich stieg mutig ein. Er sauste los, außer Trümmern sah ich nichts, war aber beruhigt, als ich schließlich die zwei Löwen an der Brücke sah. Er fuhr in richtiger Richtung weiter, nur kurz hinter Höchberg hielt er an, nahm eine Flasche aus der Tasche, nahm einen Riesenschluck, es roch stark nach Alkohol, was ich jetzt erst bemerkte, aber zu meiner großen Erleichterung fuhr er gleich weiter. Schließlich sah ich das große Tor vor dem Forsthaus, erklärte ihm, das sei mein Ziel. Er hielt brav vor dem verschlossenen Tor, ich zog die Glocke mehrmals, aber zu so früher Morgenstunde reagierte niemand. Da nahm mein Soldat seine Pistole, schoss zweimal, entsetzt stürzte Herr Zeuner, der Förster, heraus, nachdem er mich erkannte und das Tor öffnete, fuhr mein Soldat mit freudigem Winken davon!
Ich war ja schon lange erwartet, man wusste durch Heise, der von Hamburg aus Tante Erna in Lübeck hatte erreichen können, dass ich in Klein Machnow bei Tante Herta war, aber sonst gab es ja keine Verbindung. Also allerseits große Freude und Erleichterung, unter dem Dach des Forsthauses gab es auch noch eine kleine Kammer für mich. Und dann war ja Bernhards Geburtstag!! Am Nachmittag Geburtstagskaffee im Garten mit Torte, Kuchen und Schlagsahne und echtem Kaffee - eine solche Schlemmerei konnte ich nach den langen mageren Zeiten im Osten gar nicht fassen, ja, ich muss gestehen, ich fand es damals unmoralisch!