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Friedrichstift Heidelberg
    30. Stiftungsfest

Friedrichstift Vereinsheft




Friedrichstift Heidelberg
Zum 30. Stiftungsfest

grüßen wir Euch Alle, die Ihr zu unsrer großen Stiftsfamilie gehört, sei als verehrte und liebe Gäste, als treue Freunde des Stifts, als Altstiftler, Helferin oder Stiftler!
30 Jahre sind in unsrer wechselvollen Zeit schon eine lange Spanne, und wer mit dem Stift, oder sogar an der Spitze des Stifts, eine weite Strecke seines Weges gehen durfte und die bisher vielleicht schwerste Zeit miterleben mußte, dem ist heute das Herz bewegt von der Fülle der Erinnerungen, der Ereignisse und der Gesichter.
Wie gerne würde ich jetzt ein buntes Bild entwerfen und alle die lieben Gestalten wieder vor unseren Augen heraufbeschwören, aber es sind deren doch zu viele. Vergessen sind sie nicht, keine von ihnen, die in ihrer Gesamtheit das Bild des Stiftes formten Über allem aber steht in der Rückschau beherrschend das Gefühl der unendlichen Dankbarkeit. Nächst dem treuen Gott, der durch alle Wechselfälle der Zeit unser Stift in seinen Schutz und Schirm nahm und neben dem verehrungsvoll dankbaren Gedenken an die Stifter Geheimrat Krehl und seine Gemahlin,dio mütterliche Freundin unsres Stiftessgilt unser Dank unserem lieben Melanchthonverein, seinem Vorgitzenden und Schatzmeister, die mit viel Arbeit und Sorge unsre Stifte durchhielten und auch uns nun das alte Stift in neuer Schönheit wiedergaben. Dank sei den früheren Stiftseltern, denen viel treue Anhänglichkeit noch heute ihre Arbeit und Liebe dankt, Dank sei den Präzeptoren und Mitarbeitern,wie allen unseren fleißigen Helferinnen.
Bei dem Gedanken an die Altstiftler zieht neben der Freude über viel bleibende Verbundenheit und Freundschaft auch ein Gefühl der Wehmut durchs Herze Der Krieg hat die Reihen gelichtet und mancher wird für immer fehlen; Aber ihr Bild soll doch heute und immer bei uns seien. Wir grüßen sie in Treue!
Mit einem herzlichen Willkommen grüßen wir die aus der Kriegsgefangenschaft Heimgekehrten. Ebenso herzlich geht unser Grüßen hinaus zu den lieben Freunden, die noch immer nicht bei uns sind. Gott schenke auch ihnen die baldige Heimkehr!
Altstiftler und Stift gehören zusammen. In einer traditionlos gewordenen Zeit wollen wir erst recht die Tradition aufrecht erhalten. Als wir nach siebenjährigem Exil wieder ins Stift einziehen konnten, hing an jeder Tür für die vielen Stiftler.die nichts mehr von den alten Zeiten wußten, ein großes Namensschild: Konvent, Froschteich, Fragezeichen … wie seit 30 Jahren! So grüßen wir heute alle unsere Altstiftler besonders herzlich! Wir freuen uns über jeden, der dem Stift die Treue hält. Kommt, helft mit, unseren Stiftlern zu zeigen, daß wir alle in einer langen Reihe stehen! Es kommt heute noch mehr als jemals auf einzelnen an, daß er nicht abseits im steht, wenn es gilt, für das das Gute, Wahre und Schöne einzutreten. Wir im Stift wissen woher das alles nur kommen kann: aus der lebendigen Verbindung mit unserem Gott und den Herren aller Herren, Jesus Christus!



Grußwort des Melanchthonvereins.

Jahrestag sind Festtage, Ruhepunkte im Eilmarsch der Zeit und der Dinge. Sie rufen das Einst in die Gegenwart. Wieviele, die das Einst miterlebt haben, sind heute noch da? 10 Jahre lang haben wir uns nicht mehr gesehen. Manche werden wir nie mehr sehen! Wir grüßen stille die Toten, wir grüßen dankbar die Lebenden, Altstiftler und Freunde des Vereins! - Diese letzten 10 Jahre waren für den Melanchthonverein nicht leicht. Und für das Friedrichstift vollends nicht. Es war schmerzlich, daß wir das stolze Haus im Kriege hergeben mussten, fast noch schmerzlicher, den Zustand des Hauses beim ersten Wiederbetreten nach Kriegsende zu sehen. Aber wie schön grüßt es heute wieder jeden, der da kommt. - Noch sind nicht alle Schwierigkeiten und Sorgen überwunden. Der Verein ist an diesem Hause nach der Währungreform vollends arm geworden. Aber mit einem gläubigen Dennoch haben wirs gewagt und wagen es weiter. Ist uns doch dieses schöne Gebäude ein ehrwürdiges Vermächtnis, eine Besiegelung unseres Wollens, eine Erinnerung an die unvergeßlichen Wohltäter des Vereins, den großen Mediziner Geh Rat Krehl und seine Gattin. In den Briefen, die Krehl im ersten Weltkrieg nach Hause schrieb, heißt es: "Jeder wahre Mensch muss sich durch Gott gebunden wissen. Gott ist das Unbedingte, das allein die Menschen vom Menschen befreit. Unsere größten Feinde sind die, die immer nur Freiheit schreien, weil sie an nichts gebunden sein wollen. Die Frage der Zukunft ist eine Frage der Erziehung. "Und im Sept.1918 schrieb er an seine Frau: "Wenn Gott uns unsern Besitz lässt, müssen wir den Gedanken einer nützlichen Verwendung doch überlegen, und koste es ein Opfer an Bequemlichkeit." - Aus dem Kriege heimgekehrt, hat dann Krehl in seinem Hause ein kleines Schülerheim ins Leben gerufen, in welchem Jugend im Geiste Christi erzogen werden soll.1924 übernahm der Melanchthonverein dieses Internat und 1927/8 auch das Gebäude, das Krehl dem Verein zu einem Preis überließ, der es zum Geschenk machte.

Schätzungsweise sind in diesen 30 Jahren 500 Schüler durch das Friedrichstift gegangen. Nachdem zuerst der nachmalige Diakonissenhauspfarrer Fr. Kayser, nach ihm ein ahrzehnt fast der spätere Dekan Kampp, danach der dann im zweiten Weltkrieg gefallene Pf. Dr. Adolf Becker das Stift geleitet hatte, führt es nun seit über 10 Jahren unser derzeitiger Rektor, Pfarrer Otto Löffler, mit hervorragendem pädagogischem Geschick. Nie brauchte das Heim still gelegt zu werden; auch nicht, als wir gezwungen waren, das Gebäude freizugeben. Das Haus des Evang. Studentenheimes wurde unsere Zuflucht. Und als Rektor Löffler im Felde stand, hat seine Frau aufopfernd und tapfer 6 Jahre lang, das Stift durch alle Schwierigkeiten und Nahrungssorgen der Kriegszeit durchgehalten mit fast ständig 25-30 Stiftlern, unterstützt nur durch die Altstiftler und Mediziner Hoffmann und Korte als Präceptoren. Und nun erwarten wir Euch zum ersten großen Fest wieder in neuen, alten Haus! Miteinander wollen wir des Weges von 30 Jahren gedenken, miteinander die Verpflichtung, die Dank uns auferlegt, tragen und erfüllen, miteinander preisen: Nun danket alle Gott! Er hat bisher geholfen. Der bei uns stand in Not, der wird auch weiterhin helfen!

Der Melanchthonverein für Schülerheime

Höfer.



Die Altrektoren - in memoriam

Pfarrer Fritz Kayser, der erste Rektor, ist nicht mehr - Pfarrer Dr. Adolf Becker, der dritte Rektor, ist nicht mehr - der ich als zweiter in der Mitte stand, "bin allein entronnen, daß ichs euch ansage.....", ansage mit wieviel Liebe

Pfarrer Fritz Kayser dies Heim in Hause Krehl aufgebaut und mit wieviel Sorge und Segen er das Werk durch die erste Inflation hat retten können, zusammen mit seiner ihm so fein helfenden Frau Maria. Er hat so gern von jenen Tag erzählt, wo sie im Stift nichts, aber auch gar nichts mehr zu essen hatten, nicht einmal mehr Soviel, um einen Teller Suppe zu kochen. Da stand draußen vor der Tür ein Sack Kartoffel. Nie ist sein Spender bekannt geworden. So half Gott. So hilft Gott. - Kayser war eine Gründernatur. Das neue Diakonissenhaus in Karlsruhe-Rüppurr ist dessen der zweite große Zeuge, unser Friedrichstift der erste. Ich habe das Hein aus seinen Händen empfangen und an Adolf Becker weitergegeben.

Adolf Becker - der gütige und geliebte Freund der Jugend. Selber unsagbar jung geblieben sein Leben lang, war er der Jugend so nah im Spiel mit Fiedel und Lied und Sport. Ihm war Macht gegeben über die Herzen. Der Stahlhelm aus dem ersten Weltkrieg lag in seiner Bibliothek. Als er ihn zum zweiten Mal trug, kehrte er nicht wieder. Gott hat ihn zu sich genommen im aufwärts - der Abstieg blieb ihm erspart.

Beide Rektorenfrauen sind den Ihren erhalten geblieben und schauen zurück auf einen Acker, der viel Frauenarbeit und Mühe gekostet hat, der deren aber auch wert war.
Zwischen Kayser und Becker habe ich von 1925-1935 das Rektorenamt innegehabt. Auch bei uns ist der Tod eingekehrt. Die mit mir die Zehn Stiftsjahre lebte, hat Gott heimgeholt. Sie war so gern im Stift. Ich habe es manchmal im Ernst und im Scherz gesagt: "Den Paschder habt Ihr gefürchtet; die Paschdern habt Ihr geliebt. "Ich sage es heute wieder - Euch und ihr zum Dank! - Heben dem Lichtergang war einer unserer allerschönsten Tage das 10jährige Stiftungsfest. Das Paradeisspiel auf der Treppe im Garten werden wir nicht vergessen können. Oben am Hang blühten die roten Rosen, und die farbigen Gewänder, in denen Ihr vielleicht am 30. Stiftungsfest wieder spielt, wurden damals zum ersten Male getragen.

Die Reihen sind seitdem stark gelichtet. Auch unser Stifter, Herr Geheimrat Krehl und seine gütige Frau, sind nicht mehr. Die Stiftsgemeinde ist eine obere und untere geworden. Aber je mehr in diesen 30 Jahren abgerufen worden sind, desto froher sind wir Rektoren, daß wir alles Leben, das durch unser Stift hindurchgegangen ist, auf Den verwiesen haben, bei dem wir geborgen sind, hier und dort. Das Zeitgeschehen hat seine große Kerbe auch in das Friedrichstift geschlagen. Aber die aktiven, vierten Stiftseltern, die treuen Bewahrer und Hüter des Werkes, Pfarrer Löfflers, bauen neu und weiter, und neues Leben geht durchs liebe Haus!

Qui fuerunt salutant, qui adsunt et aderunt. Omnibus salutem et pacem ab illo, qui aderat et adest et aderit!

Kampp



Stimme der Altstiftler.

Anmerkung der Redaktion: "Zweibändermann" nannte man früher Studenten, die an zwei Universitäten studierten und bei zwei Verbindungen "aktiv" waren. Auch im Stift gibt es solche Zweibändermänner, die in zwei Stiften waren, meist solche, die als Schüler in einem Stift und dann als Heidelberger Studenten in Friedrichstift waren. Und oft waren gerade sie besonders "aktiv". Ein solcher schreibt:
Ein Wort zum 30. Stiftungsfest. Bin ich auch nicht unmittelbar aus dem Heidelberger Stift hervorgegangen, so drängt es mich doch, an dieser Stelle einige Sätze zu sagen. Ich tue dies auch in Stellvertretung für meinen Bruder, der gleich mir dem Stift eng verbunden ist. Aus dem Stiftserleben heraus hat er seine Einstellung zu allen Dingen des Lebens gewonnen, die er viele Heimkehrer erzählen davon mit großem Dank - jetzt, leider immer noch in russischer Kriegsgefangenschaft, als Arzt, Kamerad und Christ bewährt.
Ich tue es vor allem aus dem Gefühl einer tiefen Dankbarkeit heraus. Und zwar gilt unser Dank zuerst den Stiftseltern, die uns durch Beispiel und selbstlose Liebe das Stift zu einem für das Leben richtungweisenden Erlebnis gemacht haben. Wir kommen gern immer wieder zurück, nicht nur um schöne Erinnerungen aufzufrischen, sondern auch un neue Kraft zu schöpfen aus der lebendigen Verbindung mit Menschen, die sich bewußt in christlicher Verantwortung zum Leben stellen. Der Dank gilt gleichermaßen dem Melanchthonverein, der es ermöglicht, solche Stätten weiterzupflegen und sie zu erhalten. Dank aber auch jedem Stiftler, der sich gern in diese Reihen stellt und mithilft durch gegenseitigen Ansporn und Beispiel, den guten Stiftsgeist auch nach ausen zu verkörpern. Wie oft haben wir es gespürt: in dieser von Wirren und Noten geschüttelten Zeit steht das Stift wie eine Insel des Friedens und des reineren Geistes, und ich bin dankbar für jede Stunde, die ich hier verbringen durfte.
Vielleicht habe ich dadurch, daß ich nach meiner aktiven Stiftszeit in Freiburg in den Studentenjahren noch einmal ins Stift zurückkam, diesmal in Heidelberg, mehr davon erlebt als viele andere, was das Stift will und bedeutet. Ich denke z. B. nur an das geradezu ideale Bindeglied zwischen Schule und Elternhaus. Natürlich kann niemand ein rechtes Elternhaus ersetzen, aber mit mir bekennen heute viele Altstiftler und Stiftler, daß sie im Stift ein zweites Elternhaus gefunden haben, eine Schule des Zusammenlebens, nicht etwas weltfremd und abgeschlossen, sondern weltoffen, mitten in der Gegen wart stehend, getragen von einem lebensbejahenden Christentum. Darum sagen wir "Ja!" zum Stift, nicht nur aus äußerer Dankbarkeit, sondern aus innerer Verpflichtung. Was erwächst uns daraus? Nicht nur, daß wir, Treue um Treue, zu unserm Stift und zum Melanchthonverein stehen. Als bewusste Christen wollen wir in unserm Leben und Beruf etwas spürbar werden lassen von dem, was wir im Stift empfangen haben. Was hier gesat wurde, soll nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen sein. Lasst uns den geraden Weg, der uns hier gezeigt worden ist, weiter ge hen in dem stärkenden Bewusstsein, daß wir ja nicht allein gehen. Stiftler, wo sie sich auch fax treffen, sollen sich klar in die Augen sehen können und wissen: Hier kannst Du vertrauen wie einem Bruder, hier findest Du Rat und Hilfe, weil uns ein festes Band umschließt und uns nicht loslässt: Unser Stift!



Chronik.

Selbst das feinste Möbel lacht wenn Fritz Fels den Umzug macht.-

Wenn ihr dabei gewesen wäret, hättet ihr Möbel lachen sehen können. Aber ob sie wohl über die sechs Mann gelacht haben, die der Fritz Fels geschickt hat? (Über die hätten sie auch lachen können!)Nein, sie haben aus einem ganz anderen Grund gelacht, weil sie nämlich nach siebenjährigem Bril wieder in ihr altes Haus und Heim einziehen durften, das sie hatten verlassen müssen, und das in seinen jungen Jahren - 1905-10 hat es Geheimrat Prof. Krehl erbaut - schon manches mitgemacht hat.
1919 hat es Prof. Krehl dem Melanchthonverein übergeben als ein Haus, durch das lernwilligen, begabten evangelischen Schülern der Besuch einer höheren Schule ermöglicht werden soll, der für sie sonst unmöglich wäre. Das Stift trat nun in die Geschichte, ein. Nach dem "Kayser"reich wurde es ein "Kampp" (aber ein feines!), es folgte das Reich "Becker" und darauf das vierte, jetzige Reich "Löffler". Dieses vierte Reich ist nun wie kein anderes beschattet und überstrahlt von großen Ereignissen, ganz besonders von den Exil des Stiftes. Denn zu Anfang des Krieges hat man staatlicherseits ein Auge auf das schöne Haus geworfen: man wollte ein Weltluftfahrtforschungsinstitut daraus machen. Alle Bemühungen, das Haus zu halten, blieben gegenüber der Allmacht des Staates fruchtlos; Pfingsten 1942 mußte das Friedrichstift ausziehen. Dank den Entgegenkommen der Keller-Thoma-Stiftung jedoch konnte die Arbeit in Haus Bergstraße 53 weitergeführt werden. Im "alten" Stift wurde nun viel ver- und abgebaut; so verschwanden auch zwei Treppen, darunter die prächtige Stiftlertreppe, dagegen wurden in fast allen Bäumen große Laboratorien eingerichtet. Eines Tages aber war ausweltluftfahrtgeforscht, die Amerikaner hatten kurze Zeit das Haus belegt, dann war eine Regierungsstelle darin untergebracht. Schließlich mußte das vielgeplagte Haus sogar die Heidelberger Spruchkammer aufnehmen. Doch auch dieser Schmerz ging vorüber. Unser altes Heim wurde wieder frei - nur, wie sah es nach jahrelanger, "pfleglichster" Behandlung all dieser Einrichtungen aus! Wer es von früher her kannte, konnte wirklich verzweifeln. Einer aber ist nicht verzweifelt, unser verehrter Herr Pfarrer Höfer, der in unermüdlicher Arbeit und unter größten Schwierigkeiten sich darun bemühte, das Haus wieder herrichten zu lassen; ihm ist es in erster Linie zu danken, daß wir heute wieder so schön wohnen können. Freilich waren die umfangreichen Wiederherstellungsarbeiten auch mit großen Kosten. verbunden - der Melanchthonverein ist darüber arm geworden. Der Schatzmeister des Vereins sagte, dieses Haus habe ihn zum Schuldenmeister gemacht. Wenn aber beim "Wiederaufbau" ein nobile officium bestand, so war es der Neueinbau der Stiftlertreppe, für den sich unser lieber Rektor, Pfarrer Löffler, mit seiner ganzen Kraft eingesetzt hat er hat die Altstiftler und die Freunde des Stiftes aufgefordert, durch Spenden zu diesem Werk beizutragen, durch die dann wirklich die Stiftlertreppe als "Stiftertreppe" wieder aufgebaut werden konnte.
Nach langem Warten war es eines Tages, doch so weit, daß man die Bergstraße wieder verdoppeln konnte (53 mal 2 = 106).

Am 17. März rollten die grünen Möbelwagen an, und das Packen und Laden begann. Alle Kleinen wurden für einige Tage nach Hause geschickt, nur 6 Primaner nebst dem Präceptor Grosse blieben zum Umzug da. Ein Zimmer nach dem anderen wurde nun geleert, ein Wagen nach dem anderen rollte ab. In 4 Tagen warder ganze riesenhafte Umzug geschafft. Was aber gab es dabei für eine Menge Arbeit, besonders auch für das weibliche Hilfskorps des Stiftes an Schruppen, Putzen, Laufen und Richten. Unsere Helferinnen haben hier in geradezu vorbildlicher Weise eine Zusammenarbeit und eine Einsatzfreudigkeit an den Tag verlegt, die sich sehen lassen kann und höchstes Lob verdient. Doch an Josefitag, noch mitten im Umzug, haben wir den ersten Geburtstag im alten, neuen Stift gefeiert:Unser lieber Michel, der 1942 schon mit ausgezogen war, wurde 20 Jahre alt. Nach dem Umzug rückte dann die staunende Stiftlerschar wieder an, die sich jetzt ganz anders dehnen und strecken konnte. Nun wurde das Haus schnell nicht nur wieder menschen-, sondern auch stiftswürdig, und das will gegenüber dem früheren Zustand etwas bedeuten. Ja, unsere liebe Frau Pfarrer und ihre treue Helferinnenschar! Bald aber tauchten auch viele neue Gesichter auf das Stift hat sich nicht nur seiner Hausnummer, sondern seines ganzen inneren und äußeren Umfangs nach verdoppelt. Am 14. Mai wurde die offizielle Übergabe des Hauses durch Herrn Pfarrer Höfer an den Stiftsrektor unter Anwesenheit von Stadt- und Kirchenvertretern festlich begangen. Am folgenden Tage waren die Eltern Gäste des Stiftes, um das Haus kennenzulernen, in dem ihre Jungen nicht nur untergebracht sind, sondern auch ein wirkliches Zuhause haben. Zum dreißigjährigen Bestehen des Friedrichstiftes möchten wir die Hoffnung aussprechen, daß dieses Haus noch lange die Stätte liebender und segensreicher Arbeit an der Jugend sein werde.



Unser Stift.

Solltest Du, lieber Leser, jemals in die Verlegenheit kommen, einen Stiftsneuling, einen Sextaner, zu fragen, was ihm das Stift bedeute, so dürftest Du wahrscheinlich ein mehr oder minder verständnisloses Kopfschütteln zur Antwort erhalten, oder allenfalls etwas von "Essen" und "Schlafen" hören. Solltest Du aber einen Abiturienten fragen, der den Abschluß seiner Stiftszeit vor sich sieht, so wird seine Antwort etwas anders ausfallen.
Er wird Dir sagen, daß ihm das Stift unendlich viel mehr bedeutet als ein Speisehaus oder eine Schlafstätte, wie er es sich als Sextaner vielleicht einmal vorgestellt hatte. Daß er hier seine Erziehung, seine Lebensrichtung, seine Bildung erhielt, die ihn für sein ganzes Leben prägen und formen. Denn er verbrachte ja die Zeit, in der der Mensch plastisch und formbar ist, die also ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben werden muß, im Stift. Er mußte in die Gemeinschaft der Stiftsfamilie hineinwachsen und lernte den Wert einer solchen kennen, Er mußte das werden, was man unter einem Stiftler versteht, ein Glied, das sich vollwertig in jeder Beziehung an seinem Platze einsetzt. Nicht für jeden war das leicht.Nicht jeder stellte seine Privatinteressen sofort zurück, wenn die Gemeinschaft rief. Aber durch das Beispiel der anderen und notfalls (im übrigen recht selten) durch ein bißchen Druck lernten es alle. Ich glaube, daß es keiner in seinem späteren Leben jemals bereute, Im Gegenteil! Und so, wie die gemeinsame Arbeit und das gegenseitige Aufeinanderangewiesensein den Einzelnen prüften und ihn in die Gemeinschaft einfügten, so sorgten gemeinsame, fröhliche und schöne Erlebnisse - Ausflüge, Stiftsfeste, Singen und Spiel und manches andere - dafür, daß aus dieser Gemeinschaft eine wirkliche große Familie wurde. Eine Familie, die Stiftseltern, Altstiftler and "aktive" Stiftler umfaßt,mit solch starkem Zusammenhalt, daß jeder, der ihr angehört, wenigstens an dem Stiftsfeiertag, dem 1. Advent, für einige Stunden ins Stift kommt, wenn er es irgend möglich machen kann.
Doch das Stift vermittelt nicht nur eine charakterliche Erziehung. Der Stiftler soll nicht nur charakterlich, sondern auch auf schulischem Gebiet gefördert werden. Das soll zwar nicht heißen, daß jeder Stiftler ein Muster an Gelehrsamkeit sein wird, aber jeder soll nach seinen Fähigkeiten und Veranlagungen das erarbeiten, was er kann. Dazu hilft ihm das Stift als Bildungsstätte. Der Stiftler findet Unterstützung in jeder Form, durch die Stiftsbibliothek, durch den Rektor, die Präzeptoren oder ältere Kameraden. Das Stift unterstützt finanziell minderbemittelte Schüler durch Freistellen oder Ermäßigungen. Nach dem Kriege hat eine Anzahl Ostvertriebener Aufnahme gefunden-das Stift erfüllt also auch eine Soziale Aufgabe, und das alles auch nach der Währungsreform, obwohl die Mittel knapp geworden sind.
Noch in ganz anderer Hinsicht wirkt das Stift auf den ihm anvertrauten Menschen ein: in religiöser Hinsicht nämlich. Es stärkt und festigt ihn in seinem evangelischen Glauben durch Gebet, Andacht und gemeinsamen Kirchgang und führt ihn so in die christliche Gemeinde ein.-
Das alles würde Dir der Stiftler sagen, den Du fragtest, lieber Leser, vielleicht etwas mehr oder weniger, je nach Veranlagung und Temperament. Aber er würde Dir noch etwas sagen: daß er dankbar ist, dankbar dem Geschick, das ihn hierher führte, dankbar den Menschen, die hier sein Leben in ihre verantwortungsbewußten Hände nahmen: seinen Stiftseltern. Er wird Dir erzählen von der unendlichen Geduld, die sie für ihn hatten; von dem tiefen Verstehen seiner kleinen und großen Freuden oder Sorgen; von der Liebe und Sorgfalt für jeden einzelnen, die jeden ein Gefühl des Bewahrtseins, der Heimat geben. Er wird Dir erzählen von schweren Zeiten, vom Kriege etwa, als unsre liebe allseitsverehrte Stiftsmutter das Heim allein leitete, während unser Stiftsvater draußen an der Front stand. Er widr Dir sagen, daß er seine schönsten Eindrücke hier im Stift von seinen Stiftseltern empfing. Er wird Dir noch manches erzählen und wird dennoch nie alles sagen können; er kann am Schluß nur bestätigen, daß aller Dank ein Nichts ist gegen das, was er empfangen hat.
Wir feiern heute das dreißigjährige Stiftungsfest. Wir wollen aus diesem Anlaß all derer gedenken, die am Aufbau unseres Heimes beteiligt waren. Und wir wollen heute zusammen kommen in der Hoffnung, daß unser Stift weiterbestehen möge wie bisher, daß es weiterhin Menschen in die Welt hinausschicken möge, die durch ihren Charakter, ihre Bildung, ihre Lebensrichtung und ihre Dankbarkeit sich seiner würdig erweisen. Gott gebe seinen Segen dazu!-



Ein Fragment.

Ein aus dem Osten Heimgekehrter suchte
ein Unterkommen in der Neckarstadt.
Und als Enttäuschter immer wieder mußte
er heimwärts ziehn; denn niemand gab ihm Rat.

Doch eine Tür dem Suchenden stand offen.
Ein Engel zeigte ihm den Weg zu ihr.
Im Friedrichstift, da lernte neu er hoffen,
denn hilfsbereite Leute fand er hier.

Am Anfang aber war er noch sehr skeptisch,
wer wollt's auch übel nehmen ihm?
Ein neues Massenleben schreckt' ihn heftig,
das war gar nicht nach seinem Sinn.

Doch als sie ihn dann in sein Zimmer führten,
da war sein Kummer nur noch halb so groß;
wer wollte auch noch trübe simulieren,
wenn er einziehen darf ins Grafenschloß!

Die Schar der sehr beredten Herrn Primaner
vertraute ihm des Heimes Tageslauf.
Die Stiftsmama ließ ihnen keine Zeit mehr:
ihr neues Kind nun sollte essen auch.

Das Tischgebet wars gleiche wie bei Mutter,
der Speisezettel gut und bürgerlich;
nichts mehr erinnerte an Ostlands Massenfutter,
die Küche zeigte von der besten Seite sich.

Am Nachmittage ging er in das College,
und kehrte wieder heim zum Abendbrot.
Er freute sich der Runde, die gesellig
zur Unterhaltung sich dem Neuen bot.

Nach Tisch im frohen Kreise ward gesungen
gar manches schöne Volks-und Kirchenlied;
zwar leise hat des Neuen Stimme noch geklungen,
doch frohen Herzens machte bald er mit.

Die Abendlesung ward gehört mit Andacht,
still lauscht 'die Stiftlerschar dem Gotteswort,
ein' Erklärung ward noch kurz dazu gebracht;
dann wünschte man sich gegenseitig "Gute Nacht"

Dem kleinsten der Primaner hat es drauf gefallen
zu schnappen sich den Neuen bei der Hand, und
eingehakt führt er ihn nun zu allen,
und macht mit jedem ihn bekannt.

Im weichen Bette endlich konnt'er wieder denken,
voll Freud und Hoffnung war die junge Brust.
"Der güt'ge Gott tat deine Schritte hierher lenken,"
das ward dem Neuen nun zu recht bewußt.

Und schließlich stieg sein heiß Gebet nach oben:
Herr, segne dieses ganze Haus!
Laß Fried und Freude ewig in ihm wohnen,
und schirm'uns, die wir gehn hier ein und aus! –



Der Sport vom Sonntag

Ein jeder, der kein' Spaß versteht,
Das Stiftlerblatt nun von sich legt,
Denn sonst müßt' er vielleicht noch lesen
Was er mal tat, wie er gewesen
Und das wär' doch jammerschade
Wenn er durch dieses nun gerade
Im Traum seine Vollkommenheit
Gestöret würde vor der Zeit —
Doch all die andern die gern lachen,
Über nette lustige Sachen,
Die auch nicht sind eingeschnappt
Weil man sie hier hat ertappt
Wenden sich mit munterm Sinn
Ganz den kommenden nun hin


Leichtathletik: Vor einer begeisterten Zuschauermenge stellte in der gestrigen Großveranstaltung der Heidelberger Kugelstoßer Wauz einen neuen Weltrekord von 20,37m auf. Er überbot damit seinen eigenen Rekord vom Vorjahr um 13cm.
Boxen: Im Mittelpunkt der sonntäglichen Kämpfe stand die Federgewichtsbegegnung Max gegen Pitt. In der 7. Runde schickte Max durch einen linken Kopfhacken für die Zeit ins Land der Träume. – Die Sieger des großen Schreierturniers des Friedrichstiftes: 1. Gerdi Wiessner, 2. Paul Siegmayer, 3. Hermann Brüstle. Die Oberprima wurde von der starken Konkurrenz hoffnungslos abgehängt. – Motorsport: Im Rennen "Rund um die Lernzeit" werden unter anderen Spitzenfahrer Schlot, Röhrlein, Koddegoggel und Stass mit ihren Wagen starten. Kein Freund des Motorsports wird sich diesen interessanten Kampf entgehen lassen. -



Gebet an die Unerreichte.

Holde Ruhe, steig hernieder,
soll ich dich denn ewig missen?
Ach, könnt ich nur einmal wieder
deinen süßen Reiz genießen!
  Eine Stunde nur
  nach der Kirchturm-Uhr
ungestört die Augen schließen.

Ja, die bösen Lärmegeister
haben längst dich ausgetrieben,
und du fandest deinen Meister,
bist nicht mehr bei uns geblieben.
  Ach, so schnelle schon
  gingest du davon
und nahmst mit dir deinen Frieden.

In der ersten Dämmerfrühe
brüllt schon wie ein Leu im Sterben
so ein Schmetterblech mit Mühe
wie in Händse auf der Kerwen.
  Läufst beim ersten Ton
  schon mit Graus davon,
denn die Trommelfelle gehn in Scherben.

Hat sich dann nach viel Getöse
dieser Urlaut endlich nun gelegt,
macht gleich etwas andres dich nervöse,
was sich in der Treppenhalle regt;
  denn von unten her
  braust's schon wie ein Meer,
wenn sich alles kaffeewärts bewegt.

Ach, die langen Vormittage,
die man auf der Stube mal verbringt,
wird der Aufenthalt zur Plage,
wenn daneben einer mit dem Bleche ringt,
  wenn es rülpst und stöhnt,
  wenn es kreischt und tönt,
weiß ich einen, der bald aus dem Fenster springt.

Doch es gibt wohl mal Momente,
wenn auch äußerst selten nur,
wo die schönen Instrumente
ruhig liegen auf dem Flur.
  Doch ist das der Fall,
  hämmert schon mit Schall
einer auf des Flügels Klaviatur.

Denn auch dieses schön polierte Möbel,
das, wenn es gemäßigt, wohl gefiel,
wird zum Folterwerkzeug, wenn der Pöbel
es mißbraucht zu seinem rohen Spiel.
  Flöt' und Geigenklang
  oder Chorgesang
übergeh' ich still mit Taktgefühl.

Holde Ruhe, steig hernieder,
soll ich dich denn ewig missen?
Ach, könnt' ich nur einmal wieder deinen süßen Reiz genießen!
  Doch, ich ahn' es schon,
  auf bist und davon,
Niemals darf ich hier dich in die Arme schließen.



17. 18. 19. März 1949

Hau Ruck! tönte Theo und sank erschöpft auf Klausens Kanapee. Sechs Primaner(bis zur Unkenntlichkeit verkleidet), vierzehn Möbelwagen, eine Woche Hau-Ruck. Sachs dirigiert, Roland hilft dem Packer im Möbelwagen. Dabei eine Verpflegung: prima, oberprimal Am Sams- tag ein Zwischenfall:Michels Geburtstag; die Qualität der Torte rüh- men Worte vergebens. Abends schleicht Schnäps bedrückt durch die Hintertüre: Wauz weg! - Hoftrauer -aber wir singen trotzdem bei Kerzenschein ein paar frohe Geburtstagslieder. Am Montag nocheinmal viribus unitis et extremis: der vierte Stock wird geräumt. Hannes meckert weiter, aber es geht trotzdem. Noch ein in den Annalen dse Stiftes einmaliges Ereignis: die drei Oberprimaner (Willi, Michel, Hannes) schruppen die Mädchenzimmer. Der letzte Wagen rollt. Hau-Ruck! Es ist geschafft, die Schlacht geschlagen! -



Unser Tiergarten

Es war einmal ein Mann, der war ein großer Tierliebhaber und hatte sein ganzes Haus für seine Tierchen einrichten lassen. Oft hatte er Besuch, der von seinen Tieren gehört hatte, und der sie gerne einmal sehen wollte. Den führte er dann durch das ganze Haus und erzählte dabei jedesmal folgende Geschichte:
"Hier sehen Sie zunächst den Lernsaal, so benannt,da hier meine Tiere abgerichtet werden. Sie brauchen nicht zu erschrecken, das ist nur Uli, unser Strauß. Beachten sie die enorme Größe! Im Nebenzimmer, dem sogenannten Konvent, finden sich meist meine Zöglinge zusammen. Mit dem Bärle dort in der Ecke beschäftigt sich gerade Bacher, mein Hilfsdompteur. Vorsicht, stolpern Sie nicht, das ist Märt, mein kleiner Waschbär. Komm, gib schön Pfötchen; so ist's brav. Dort in der Ecke sehen Sie Theodosius, unseren einzigen Löwen. Bin Prachttier, ich habe ihn aus Wertheim geschenkt bekommen. Halt, gehen Sie nicht so nahe hin, er ist noch nicht völlig zahm. Betrachten Sie lieber Gustav, meinen Schäferhund. Er ist sehr gelehrig und kann schon durch Heben der rechten Pfote seinen Namen andeuten. Besonders gut versteht er sich mit Klausi, dem jungen Gorilla. Für Jumbo werde ich wohl noch einen Extrastall anbauen müssen, er eckt überall an. Gut, daß ich keinen Porzellanladen besitze.-Wie meinen Sie? Ach so, Sie sind gestochen worden. Das war sicher Werni, ein sehr geschicktes Bienchen. Man findet es nie, wenn es gestochen hat. Aber ich glaube, wir gehen mal in den zweiten Stock. Auch da gibt es noch etwas Interessantes zu sehen. Sieh, da kommt ja Rolo. Der Haarschnitt ist unverkennbar, ein Pudel. Ein kluges Tierchen, aber den berühmten Kern habe ich noch nicht ganz erkannt. Das ist Jörgen, ein Käuzchen, es ist furchtbar scheu. Tagsüber sitzt es immer in seinem Eck. Aha, da kommt Horsti, ein typischer Schimpanse. Entweder ahmt er die großen Menschen nach, oder er laust sich. Nun, zu wem dieser lange Hals gehört, haben Sie sicher schon erkannt. Ganz richtig, eine Giraffe.Bemerkenswert ihre Vorliebe für Brötchen, Bücken Sie sich gerade ein wenig,Sie kommen bequem unten durch. Hier ein Vertreter der deutschen Weidewirtschaft, Sorry, unser Schaf. Auffallend ist der leicht melancholische Gesichtsausdruck. Dabei ist das Tierchen gar nicht so, wie es aussieht. Das ist Dicker, unser See-Elephant. Den hebe ich mir für Notzeiten auf. Geben Sie acht, treten Sie nicht auf das Bällchen; es gehört Didi, dem Kätzchen. Wenn Sie noch etwas warten, können Sie sehen, wie es sich schleckt. Das ist nämlich seine Hauptbeschäftigung außer dem Spielen mit Berni, dem Eichhörnchen. Was das Quaken bedeutet? Das stammt von Jacki, dem Ochsenfrosch. Beachten Sie ihn ja nicht, er bläst sich sonst furchtbar auf. Das hier ist ein ausgewachsenes Faultier; wenn Sie vielleicht ein paar Kekse dabei haben, die frißt es gerne. An dem Schimpfen dürfen Sie sich nicht stören, das stammt von Ekki, dem Rohrspatz. Aber geben Sie acht! Beinahe wären Sie Auf Maurizia getreten; sehr giftig, Brillenschlange. Kommen Sie lieber zu meinem Aquarium, Dies ist Gerni, ein Hering. Auffallend der sanfte Gesichtsausdruck. Diesen Käfig bewohnt Gunter, die Krähe, Bin äußerst gelehriger Vogel. Er krächzt jede Melodie nach, die er einmal gehört hat.Nicht zu vergessen, Klausi, der Zaunkönig. Auch ein sehr nettes Vögelchen, ich habe ihn aus "Beyern" geschickt bekommen. Ja, Sie sehen, ich habe es nicht leicht mit all meinen Zöglingen. "Der Mensch schüttelte sorgenvoll sein Haupt, und der Besuch ging von dannen.-



Gießkannens Einbrecherjagd.

Große Geister erwachen früh;
ihr rastloser Geist erwecket sie.
Gerdi, wachend schon seit sechs,
suchte zum 00 Konnex.
Doch, o Grauslein schwarzer Mann
leise schleichend strebt zur Pforten.
Gießkann' stumm, was kaum sie kann,
Gedanke blitzt: ein Dieb ist dorten!


Faßt sich. Ruft: "Das Messer raus!
Holt ihr gleich Herm Pfarrer doch!"
Messer stak im Apfel noch,.
denn abends teilt' er Apfel aus.


Mit Löwenmut von Bischofsheim
stürzt er sich jetzt vom Bette.
"Das scheint mir ein ganz abgefeim-
ter Dieb!'s Stift misse mer rette!!!"


Karl-May-geschwängert war sein Mut,
er zückt die rostige Klinge - -
und steckt die ein. "Es wär doch gut,
wenn man ihn lieber finge!"


Sein Stoßgebet: "Hilf, Winnetou,
Old Schädderhänd, 01d Wabble,
hilf, Hadachi Halef!Riiih und Huuuh!
Auf, auf, daß mer 'ne schnabble!"


"Doch besser schleiche mer langsam hi!"
Er fühlt sich als Haupt der Apatschen.
Sprung auf, marsch marsch! Sieg, Victorie!
Der Koyote mußt' fliehend entlatschen!


Beim Kaffee erregt Gerdi große Radaue,
"wo sind sie? Auf, sucht sie, die Diebel"
Sagt Piko: "Mir hawe se schun gehaue
heit nacht. Mir hen se vertriewe!"


Herr Pfarrer drauf macht Augen groß,
und schnell ward still die Bande.
Von Gerdis "Tat" merkt' einer bloß
nichts, der Nachtgast, der "Dieb":
ein Pfarrer vom Lande.



Persönlichkeiten.

Sie bügelt, stopft, näht Knöpfe an,
ist auch sonst immer dienstbereit,
mit vielem man ihr kommen kann,
so findet sie doch immer Zeit.
Ist sie ja auch der letzte Rest,
der uns vom Paradiese blieb,
hält dienstbereit stets daran fest:
"Den Buben tue ich's zulieb Ihr,
könnte oftmals bange sein,
fast sechzig "Brüder" ist gar viel.
Kaum kommt sie von der Schule heim,
da quält sie schon der Theophil
mit seinen faltenlosen Hosen,
die er doch wieder glatt möcht sehen.
Fast möcht sie manchmal doch erbosen,
kann aber doch nicht widerstehen. -
So sind es immer viele Sachen,
die unser "Schwesterchen" zu tun;
treu aber tut sie alles machen,
sei hier gesagt zu ihrem Ruhm.-

Aus Sachsens Wäldern mit Tannenholzrinden
lockte man Sachs, das Ungetüm.
Bei uns im Stift nun ist er zu finden,
er wurde hier zur Rechenmaschin'.
Rasch legte Br ab des Waldes Sitte
und paßte sich unsern Gebräuchen an,
jedoch in dieser Entwicklung Mitte
fing er das Rauchen ung Tanzen an.
Dies wäre ja alles noch recht gewesen,
hätt'er's betrieben mit Maß und Ziel.
Allein es liegt in des Räuchlings Wesen
sich nur zu freuen bei Tanzen und Spiel.
Durch seine vor Geist faul duftenden Witze
ist er in Schule und Stift schon bekannt,
und jedes Wort, es birgt eine Spitze,
und dabei glaubt er, diessei noch charmant.
So kündet er jeden Witzes Ende
durch ein bestialisches Lachen an. -
0,käm sie doch bald, die ersehnte Wende,
die aus dem Flegel schaffet den Mann!-

Senex stiftlerorum schimpft er sich gern,
gehört ja auch schon zu den älteren Herrn.
Bald wird sein Scheitel ein kahler sein,
drum reibt er sich täglich das Haupthaar ein.
Verwöhnt schon ist er seit jungen Jahren,
hält manches von dem, was die Stiftlerscharen
mit großer Freude so gerne essen
für seinen Magen nicht angemessen.
Doch gibt's etwas Außergewöhnliches mal,
dann" kaut" mit Andacht im Speisesaal
der Karlchen und schmunzelt vergnügt vor sich hin:
Das ist heut ein Essen nach meinem Sinn.
Ansonsten schaut er von reifer Höhe
herab auf die stürmenden, drängenden Flöhe,
die in ihrem einfachen, kindlichen Denken
manch Stündchen den nettesten Streichen schenken.
Er schüttelt den Kopf nur mit ernstem Blicke
und fragt, ob das sich für Stiftler wohl schicke.
Bin leises Rieseln ist immer zu hören
in seiner Nähe, zwar tut's ihn empören,
doch sind es die Spuren, die weißen, halt,
die uns beweisen: leis'rieselt der Kalk!-

Ich fühle mich als großer Held,
zum Senior wurde ich gewählt.
Ich spiele zwar nicht gern Tyrann, doch soll mich fürchten jedermann
und ehren meine Persönlichkeit,
denn oftmals ist der Chef sehr weit.
Gar viel geplagt bin ich im Stift, von dem Spielsaal bis zum Lift.
Ich inspiziere, kommandiere,
ich kritisiere, posauniere,
und ich dressiere jeden Schreier,

ich, der Senior Theo Freyer.-



Wachtraum von 6.00-6.30.

Wer poltert so früh schon durch Nacht und Wind?
König Attila ist es mit seinem Gesind.
Da stolpert herunter der ganze Schwarm
und macht einen Radau, daß's Gott erbarm!
Mein Freund, was birgst du so bang dein Gesicht?
hörst, Nachbar, du das Gerumpel nicht,
den stürmenden, krachenden, schlurfenden Ton?
Mein Freund, es ist die Küchenschwadron.
Verhallt der Radau, es sinket wieder
ein süßer Traum auf die Armen nieder.
Schon fühlen sie sich gar weit entrückt,
verschwomm'ne Musik ihr Ohr entzückt.
Gar lieblich tönet Sirenengesang,
den Armen wird es so ahnungsvoll bang-
und wirklich, da führen mit lautem Schrein
Attilas Töchter den "putzigen" Reihn.

Es schettert und klappt, es trappt und kracht,
es gickelt und gockelt und schreit und lacht.
Es Kleppern die Eimer, es klirrt von Geschirr,
von allen Seiten dringt Stimmengewirr.

Das Radio heult, daß es fährt ins Gedärm,
den Armen graust's vor dem höllischen Lärm,
Posaunen erschallen: ein jüngstes Gericht!-
Vorüber der Spuk - der Tag anbricht.
        



Opernabend des Friedrichstifts

Will man den gesamten Eindruck des gestrigen Opernabends festhalten, so kann man ihn nur als gelungen bezeichnen. Das große Aufgebot von erstklassigen Solisten sicherte ihm freilich von vornherein einen vollen Erfolg.
Die Vortragsfolge umfaßte eine Reihe bekannter Nummern aus deutschen und italienischen Opern. Eingeleitet wurde der Abend durch die Arie "Selig sind, die Verfolgung leiden" aus der Oper "Der Evangelimann" von Kienzl, gesungen von Karl Ellbrück. Sodann holte sich Hans Mayer mit zwei Arien atarken Beifall; er sang zunächst die Arie des Kaspar "Hier im ird'schen Jammertal" aus dem "Freischüts" von Weber und anschließend das Lied des Valentin aus dem "Verschwender" von Konradin Kreutzer. Allerdings müßte bei ihm noch die starke rhytmische Betonung gemildert werden. Bin besonderes Glanzstück des Abends war die mit véller Überzeugung von Roland Schulz geschmetterte Arie "0, ich bin klug und weise" aus Lortzings "Zar und Zimmermann". Aus "Die lustigen Weiber von Windsor" von Nicolai sang Günter Koch das Trinklied des Falstaff; an der Stelle "reich mir die Kanne her" erhob sich seine Stimme zu begeisternder Stärke und Macht. Es folgte die Arie des Figaro "Will der Herr Graf ein Tänzchen wohl wagen" aus Mozarts Oper, dargeboten von Dieter Maulbecker. Ebenfalls von Mozart sang Klaus Munk als Gast die Registerarie des Leporello aus "Don Giovanni", wobei er die Stelle "aber in Spanien schon 1000 und 3" besonders hervortreten ließ. Den Abschluß des ersten Teils bildeten zwei Stücke aus Orffs "Die Kluge"; zunächst das Lied "Als die Treue ward geborn", gesungen von Willi Brado als Gast; der frivole Text hatte eine etwas leichtfertigere Gestaltung verlangt. Darauf sangen Ekke Stengel, Max Egbert und Reinhold Bräunche, ein viel versprechendes Nachwuchstalent, das beliebte "Gaunerterzett".
Der zweite Teil, der den italienischen Meistern Verdi und Rossini gewidmet war, begann mit der berühmten "Verleumdungsarie" (Die Verleumdung ist wie ein Lüftohen) aus Rossinis "Barbier von Sevilla", glänzend gemeistert und überzeugend interpretiert von Theo Freyer. Die folgenden Arien stammten aus verschiedenen Opern Verdis. Zunächst sang Klaus Beyer das weniger bekannte "Lied des schwarzen Studenten aus "Die Macht des Schicksals". Als nächstes brachte Willi Brado die Arie des Herzogs "Ach, wie so trügerisch" aus "Rigoletto" zu Gehör. Auch hier traf er nicht den leichtfertigen Ton, sondern blieb zu dramatisch; er wußte dennoch durch seine tragische Ausdrucksweise zu gefallen. Zum Abschluß sang Klaus Munk, wiederum in überzeugender Manier, die Arie des Radames "Holde Aida"; selbst ein Fleines Versehen (er verwechselte an einer Stelle den Namen Aida mit Ursula) konnte die Wirkung nicht zerstören.
Wir können zum Abschluß nur sagen, daß es wünschenswert wäre, diese durchweg befähigten Künstler an einem zweiten Abend noch besser kennenzulernen. Alle vereinigten sie in glücklicher Weise stimmlichen Glanz und starke künstlerische Auffas sung mit erfrischender Natürlichkeit.-



Einbruch im Stiftskeller

Bei so'ner großen Schar von Knaben,
wie wir sie hier im Stifte haben,
da geschieht so mancherlei,
bis ein Schuljahr geht vorbei.-
Da man in vergang 'nen Jahren
oft von Einbruchen erfahren,
dacht'man auch bei und daran,
wie man den wohl fassen kann,
der sich würde unterstehn
stehlen mal bei uns zu gehn.
Große Töne hörte man,
jeder rühmte, was er kann,
und die Phantasie der Knaben
tat sich schon an Schlägen laben.
Bald jedoch sollt sich beweisen
welche Sprüche Stiftler reißen,
denn nach nicht zu langer Zeit
hörte man bei Dunkelheit
in dem düstern Kellerraum ein geräusch,
da faßt ein Graun
drei der Helden, die beklommen
diesen Schreckenslaut vernommen.
Atemlos und ganz verstört
rufen sie, was sie gehört.
Als sie oben kommen an,
sehn sie Sachs, den jungen Mann,
der ob seiner Tapferkeit
angesehen weit und breit.
Der muß nun hinunter gehn
und dort nach dem Rechten sehn.
Schließlich hört auch er den Ton,
springt so schnell er kann davon,
"ruft den Dicken, ruft die Großen
Ach, er macht fast in die Hosen.,
"Ja, ein Räuber ist da unten,
diesen hätten wir gefunden!"
Diese Meldung kam im Nu
auch Frau Pfarrers Ohren zu.
Schließlich rannten alle raus,
kampfbereit im Treppenhaus
sammelt sich das ganze Heer,
keiner fehlt am Ende mehr.
Und so zog die Prozession
still binab, ohn' jeden Ton:
all'n voran die Stiftsmama,
dann der Wauz mit Stiftspapa,
drauf die ganze Stiftlerschar,
die in höchsten Nöten war.
Mehrmals ruft der Chef nach unten:
"Hallo, hallo, wer ist drunten?"
Doch der Ruf bleibt ungehört,
und die Angst sich stets vermehrt.
Jeder starret auf die Tür.
Wer kommt hier wohl jetzt herfür?
Da, - der Türgriff wird gedrückt,
alles weicht ein'n Schritt zurück,
ja,es öffnet sich das Tor
und als Räuber stell'n sich vor
swei im schlimmsten Flegeljahr;
rate, rat', wer das wohl war:
Moritz und Ekke
die beide mit den Kleinen tollten
und diese nur erschrecken wollten.-



Jack!

Bebop —Hut und langer Rock,
Ringel socken, kurzer Stock,
farbig schillernde Krawatte,
Schultern, ausgestopft mit Watte,
Nelk'in Knopfloch, Krepp am Schuh,
Freistiltanz, Glacehandschuh,
Hypersuperultrajazz,
Conja, Swing und Jive Sonnenbrille, ganz kess,
Sonnenbrille, Girl an Arm,
Augen blitzend voller Scharm,
golfbereitet, zweihereiht,
tennisspielend, Hutband breit,
Finger braun von Nikotin,
Freund von Gin und Coffein,
schön, wie Griechenlands Apoll,
findet er sich wundervoll.
So ein riesengroßer Geck
wär'gern, könnt er, unser Jack!



Der Gang zum Schwalbennest

Ausgelassen, frech und dreist
's Michele nach Stonich reist.
Als er sieht das Schwalbennest,
stehet sein Entschluß schon fest,
Zu der hohen Felsenwand
kommt er hastig hergerannt,
und so steiget er im Nu
schwindeligen Höhen zu.
Fein, denkt Michel, ist das Spiel,
fühlt sich nahe seinem Ziel.-
Plötzlich wird dem Früchtchen bang,
und er blickt der Wand entlang,
siehet nicht mehr Ein noch Aus:
Ach, wär'er doch erst zu Haus!
Michels Knie werden weich, das Gesichtchen färbt sich bleich. Als die Nacht nun bricht herein,
fängt Herr Werner an zu schrein:
"Hallo,Hilfe, ich sitz'fest
auf dem Weg zum Schwalbennest!"
Und der Hilferuf verhallt- - doch zum Glück kommt unten bald
rasch auf seinem Fahrrad an
hilfsbereit ein junger Mann.
Hörend Michels Angstgeschrei, ruft er rasch die Polizei.
Doch muß diese wieder gehn,
denn sie kann ja nichts mehr sehn.-
Käseweiß und ganz geknickt unser Steiger um sich blickt. So schiebt er die ganze Nacht
vor den Schwalbenneste Wacht.
Damit er nicht runterplumpst
und sich seinen Kopf anbumst,
singet er mit hellem Ton
Angst und Geisterwelt davon.
Schließlich, als der Morgen graut,
man schon wieder nach ihm schaut.
Nun ein Fachmann ist dabei,
und so geht es eins, zwei, drei,
rechts zuerst, dann linkes Bein,
und vorm ersten Sonnenschein
hat man so, daß nichts passiert,
ihn herunterdirigiert."
Schnell schleicht Michel nun nach Haus
zieht die schmutz'gen Kleider aus
und verkriecht sich in sein Bett-
diese Nacht war gar nicht nett!-
Als er später dann gefragt,
wo er sich denn hingewagt,
zieht er seine Nase lang
und erzählt von seinem Gang.
Chef und Stiftler sehn sich an,
keiner mehr was reden kann.
Ja, sogar das Zeitungsblatt
diese Sach'erfahren hat,
und es schrieb am andern Tag,
was ein braver Stiftler Tat,--




Friedrichstift Heidelberg - Heft mit Texten verfasst von Mitgliedern der Stiftsleitung und anderen, teilweise mit Zeichnungen.
Verfassungsdatum unbekannt – wahrscheinlich Ende der 1940er oder Anfang der 1950er Jahre.
Vermutlich die Vorgängerorganisation des heutigen Melanchthon-Verein für Kinder- und Jugendhilfe e.V., damals noch in Heidelberg mit Sitz in der Villa Krehl (?)

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