Kinder*. Dann besetzten die amerikanischen Soldaten das Forsthaus für einige Tage. Als wir wieder zurückkamen, fanden wir viele Schränke aufgebrochen, Federkissen zerschnitten, die Federn flogen herum; wie wir erfuhren, lag der Grund darin, dass die Soldaten mehrere Kisten voller Jagdwaffen auf dem Dachboden gefunden hatten, die sie nicht als solche erkannt hatten und daher weitere schwere Waffen vermuteten. Die Jagdwaffen hatte eine Würzburger Hersteller im Forsthaus untergebracht, um , sie vor der Vernichtung zu retten.

Danach herrschte für uns endgültig Frieden, von der Kapitulation, dem Ende des Krieges, erfuhren wir erst Tage später, Radio gab es nicht. Aber noch lange kamen täglich viele Jeeps und Lkws voller US-Soldaten vorbei; vor allem die (heute afro-amerikanischen, damals Neger genannten) Soldaten, waren zu uns Kindern unglaublich freundlich, warfen uns Schokoladen und andere Süßigkeiten vom Wagen oder gaben sie uns bei einem Anhalt in die Hand.
Immer wieder übernachteten die Soldaten im Wald oder auf Wiesen und hinterließen sehr viel Essen und Getränke in Dosen (Coca-Cola), Schokoladen, Kaffee- und Kakao-Pulver, einmal sogar fast ein ganzes Rad Schweizer Käse, ca. 70 Pfund, die wir jeweils am nächsten Morgen uns holten, wohl stahlen aber heute verjährt. Die Bauern in den nahegelegenen Ortschaften verkauften gerne Lebensmittel an uns, da es kaum Verbindungen in die Stadt gab; wir holten sie allerdings über 4 km zu Fuß fast täglich Als wir wieder ins Forsthausselbst ab; der Förster schoss auch immer wieder Wild; im großen Garten wurden Hühner, Gänse und Enten gehalten — immer wieder Opfer eines Fuchses oder Bussards; auf der Wiese um das Forsthaus standen viele Obst- und Walnussbäume, die wir ernten konnten. So hatten wii genügend zu essen, konnten auch Flüchtlingen aus dem Ost, Polen und (damals) Böhmen und Mähren, die zahlreich am Haus vorbeizogen, etwas abgeben. Zufällig zu meinem Geburtstag im Sommer kam meine Schwester aus Berlin - von der wir seit vielen Wochen nichts mehr gehört hatten - für uns völlig überraschend ins Forsthaus; eine Woche teils zu Fuß, mitunter mit Lkws, oder auch Eisenbahn war sie ausgehungert, auch in Berlin hatte sie viel gehungert; sie sah uns im Garten sitzen bei Kaffee, Kakao un mehreren Kirschkuchen mit Schlagsahne, sie war fassungslos.

Da die Schulen in Wbg zerstört waren, musste ich fast ein ganzes Jahr weiterhin täglich in die nahe legene Volksschule „wandern", was meiner Gesundheit natürlich sehr gut tat. Als die ersten Schulen Anfang 1946 in Würzburg wieder öffneten, fuhr ich jeden Morgen auf einem offenen Milchtransportwagen in die Stadt; da wir inzwischen weniger Milch bekamen, trank ich aus einem kleinen Becher Milch, die aus den großen Kannen schwappte. In der Schule bekamen wir einen Deutschlehrer, der zu Kriegszeiten uns im Turnen unterrichtete; vor jeder Stunde mussten wir damals „zackig" „Sieg heil" rufen, wenn es nicht zackig war, mehrfach wiederholen. Jetzt betete er vor jeder Stunde mit uns.
Erst am Abend konnte ich mit einem Lastwagen wieder zurück ins Forsthaus. Viele Stunden in der weitgehend noch zerstörten Stadt alleine zu verbringen, fanden wir nicht sehr gut; meine Eltern, mit alten Beziehungen zu Heidelberg, wohl die einzige nicht zerstörte größere Stadt in Deutschland, fanden ein Internat dort, das mich ab September 1946 aufnahm; auch dort gab es — woher auch immer— meist genügend zu essen. Von dort aus ging ich ins Kurfürst-Friedrich-Gymnasium bis zum Abitur; lange Jahre gab es dort von den USA geleistete Schulspeisung.

Zusammenfassend überstand unsere Familie den 2. Weltkrieg — abgesehen von der Vernichtung von vielem Hab und Gut — recht gut. Keine Toten oder Verletzte hatten wir in der Familie zu beklagen; im 1. Weltkrieg hingegen hatte meine Mutter ihre beiden Brüder verloren, mein Vater seinen Bruder und seinen Schwager.

Verfassungsdatum unbekannt. Text von einem einseitigen, computer-gedruckten Blatt. Text unvollständig, wahrscheinliche fehlt eine vorherige Seite. Autor nicht angegeben. Nach Inhalt, Schreibstil und den geschilderten Familienereignissen spricht jedoch alles dafür, dass der Text von meinem Vater, Bernhard Pfister, stammt. Eine eindeutige Zuordnung ist mangels ausdrücklicher Kennzeichnung allerdings nicht möglich. .
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