1934 bin ich geboren und lebte in Würzburg. Seit dem Winter 1944 gab es fast jeden Tag Fliegeralarm: tags zogen die Bomber-Geschwader oft über die Stadt, meist nach Schweinfurt, wo wir immer wieder Feuer sahen; nachts verbrachten wir oft einige Stunden im Luftschutzkeller des Hauses, Luftminen kamen mit lautem Geheul, begleitet von Flakfeuer herunter und schlugen in die Stadt; oft musste ich auf dem Schulweg wegen Voralarms wieder nach Hause oder in der Schule in den Keller. Kurz vor der Zerstörung Wbg [Würzburg] am 16. 3. 1945 wurde wohl vom Gauleiter angeordnet, dass Kinder möglichst aus der Stadt zu Bekannten aufs Land ziehen sollten. Ich kam daher zu einer befreundeten Familie in ein nahegelegenes, allein liegendes Forsthaus, ging von dort aus – obwohl inzwischen gerade ins Gymnasium in Wbg gekommen - täglich wieder in eine ca 4 km entfernte Volksschule in einem kleinen Dorf; auch hier kamen gelegentlich Tiefflugbomber, ich suchte Schutz im nahen Wald und fand dann oft von ihnen abgeworfene Flugblätter, die die baldige Niederlage Deutschlands ankündigten.
Am Abend der Zerstörung Würzburgs weitgehend durch Stabbrandbomben fuhren mein Vater und Schwester mit Rädern zur Stadt, konnten aber, da alles brannte nicht hinein kommen. Einige Tage danach konnten wir mit einem großen Wagen, den Vater, eine meiner Schwestern und ich ziehen mussten, noch viele Möbel und Bücher, die vorher im Keller untergebracht waren, in die Wohnung konnten wir nicht mehr, ins Forsthaus bringen. 14 Tage später, war das ganze Haus eingestürzt, wir kamen auch nicht mehr in den Keller.
März/April 1945 flogen über uns fast täglich deutsche Turbinenflugzeuge in Richtung Westfront. Immer wieder hörten wir einzelne Schüsse in der Nähe; SS-Gruppen erschossen, wie wir erst später erfuhren, desertierte deutsche Soldaten. Jahre später lernte ich einen überaus freundlichen deutschen Herrn, verheiratet mit einer Spanierin, in Madrid kennen, der mich mehrmals überaus freundlich zum Essen einlud, da er, wie er erzählte, auch in Würzburg studiert hatte; ihm kamen dabei die Tränen. Kurze Zeit später las ich dann in der Würzburger Zeitung, dass der Herr dieses Namens, jetzt wohnhaft in Madrid, Führer der SS-Gruppe nahe Würzburgs war; eine meiner schockierenden Erinnerungen: „persönlich sehr freundliche, aber Verbrecher“
Im April 1945 zogen dann deutschen Truppen weitgehend elend, ausgehungert und zu Fuß vorüber. Gegen Ende April fuhren die ersten US-amerikanischen Truppen in Panzern, Jeeps oder Lastwagen – keiner zu Fuß - auf der (heutigen) Bundesstraße am Forsthaus vorbei. Wir zogen zur Sicherheit in 2 kleine Holzhäuschen in einem nahe gelegenen Steinbruch im Wald, aber auch dahin kamen amerikanische Soldaten; eines morgens lagen sie auf der Höhe über uns mit Maschinengewehren auf uns gerichtet, aber es geschah nichts, sie sahen ja fast nur Frauen und Kinder. Dann besetzten die amerikanischen Soldaten das Forsthaus für einige Tage. Als wir wieder zurückkamen, fanden wir viele Schränke aufgebrochen, Federkissen zerschnitten, die Federn flogen herum; wie wir erfuhren, lag der Grund darin, dass die Soldaten mehrere Kisten voller Jagdwaffen auf dem Dachboden gefunden hatten, die sie nicht als solche erkannt hatten und daher weitere schwere Waffen vermuteten. Die Jagdwaffen hatte eine Würzburger Hersteller im Forsthaus untergebracht, um sie vor der Vernichtung zu retten.
Danach herrschte für uns endgültig Frieden, von der Kapitulation, dem Ende des Krieges, erfuhren wir erst Tage später, Radio gab es nicht. Aber noch lange kamen täglich viele Jeeps und Lkws voller US-Soldaten vorbei; vor allem die (heute afro-amerikanischen, damals Neger genannten) Soldaten, waren zu uns Kindern unglaublich freundlich, warfen uns Schokoladen und andere Süßigkeiten vom Wagen oder gaben sie uns bei einem Anhalt in die Hand.
Immer wieder übernachteten die Soldaten im Wald oder auf Wiesen und hinterließen sehr viel Essen und Getränke in Dosen (Coca-Cola), Schokoladen, Kaffee- und Kakao-Pulver, einmal sogar fast ein ganzes Rad Schweizer Käse, ca. 70 Pfund, die wir jeweils am nächsten Morgen uns holten, wohl stahlen aber heute verjährt. Die Bauern in den nahegelegenen Ortschaften verkauften gerne Lebensmittel an uns, da es kaum Verbindungen in die Stadt gab, die wir allerdings über 4 km zu Fuß fast täglich selbst abholen mussten; der Förster schoss auch immer wieder Wild; im großen Garten wurden Hühner, Gänse und Enten gehalten — immer wieder Opfer eines Fuchses oder Bussards; auf der Wiese um das Forsthaus standen viele Obst- und Walnussbäume, die wir ernten konnten. So hatten wir genügend zu essen, konnten auch Flüchtlingen aus dem Ost, Polen und (damals) Böhmen und Mähren, die zahlreich am Haus vorbeizogen, etwas abgeben. Zufällig zu meinem Geburtstag im Sommer kam meine Schwester aus Berlin1 - von der wir seit vielen Wochen nichts mehr gehört hatten - für uns völlig überraschend ins Forsthaus; eine Woche teils zu Fuß, mitunter mit Lkws, oder auch Eisenbahn war sie ausgehungert, auch in Berlin hatte sie viel gehungert; sie sah uns im Garten sitzen bei Kaffee, Kakao und mehreren Kirschkuchen mit Schlagsahne, sie war fassungslos.
1Weitere Berichte zu diesem Ereignis: Hedwigs Erinnerungen Friedrich Pfisters Tagebuch Bernhards Brief an seine Großmutter
Da die Schulen in Wbg zerstört waren, musste ich fast ein ganzes Jahr weiterhin täglich in die nahe legene Volksschule „wandern", was meiner Gesundheit natürlich sehr gut tat. Als die ersten Schulen Anfang 1946 in Würzburg wieder öffneten, fuhr ich jeden Morgen auf einem offenen Milchtransportwagen in die Stadt; da wir inzwischen weniger Milch bekamen, trank ich aus einem kleinen Becher Milch, die aus den großen Kannen schwappte. In der Schule bekamen wir einen Deutschlehrer, der zu Kriegszeiten uns im Turnen unterrichtete; vor jeder Stunde mussten wir damals „zackig" „Sieg heil" rufen, wenn es nicht zackig war, mehrfach wiederholen. Jetzt betete er vor jeder Stunde mit uns.
Erst am Abend konnte ich mit einem Lastwagen wieder zurück ins Forsthaus. Viele Stunden in der weitgehend noch zerstörten Stadt alleine zu verbringen, fanden wir nicht sehr gut; meine Eltern, mit alten Beziehungen zu Heidelberg, wohl die einzige nicht zerstörte größere Stadt in Deutschland, fanden ein Internat dort, das mich ab September 1946 aufnahm; auch dort gab es — woher auch immer— meist genügend zu essen. Von dort aus ging ich ins Kurfürst-Friedrich-Gymnasium bis zum Abitur; lange Jahre gab es dort von den USA geleistete Schulspeisung.
Zusammenfassend überstand unsere Familie den 2. Weltkrieg — abgesehen von der Vernichtung von vielem Hab und Gut — recht gut. Keine Toten oder Verletzte hatten wir in der Familie zu beklagen; im 1. Weltkrieg hingegen hatte meine Mutter ihre beiden Brüder verloren, mein Vater seinen Bruder und seinen Schwager.